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Die Wiedergründung der SPD im Landkreis Sonneberg und die Zwangsvereinigung mit der KPD 1945–1946

Der politische Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühjahr 1945 begann auch im Landkreis Sonneberg eine grundlegende politische und gesellschaftliche Neuordnung.

Zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur hatten die demokratischen Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung weitgehend zerschlagen. Die SPD war seit Juni 1933 verboten. Zahlreiche Sozialdemokraten waren verfolgt, aus ihren beruflichen Stellungen entlassen oder wegen ihrer politischen Überzeugungen inhaftiert worden. Andere hatten sich aus der öffentlichen Politik zurückgezogen oder ihre politische Arbeit im Untergrund fortgesetzt.

Am 12. April 1945 besetzten amerikanische Truppen die Stadt Sonneberg. Damit endete die nationalsozialistische Herrschaft im Kreisgebiet.

Die Bevölkerung stand vor erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen musste sichergestellt, die öffentliche Verwaltung neu aufgebaut und die wirtschaftliche Produktion wieder aufgenommen werden. Hinzu kamen die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie die Rückkehr von Kriegsgefangenen.

Unter diesen Bedingungen begannen ehemalige Mitglieder der Arbeiterparteien und andere Gegner des Nationalsozialismus mit der politischen Neuorganisation.¹

Auch im Landkreis Sonneberg bestanden noch persönliche Verbindungen zwischen früheren Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftern. Diese Kontakte waren während der nationalsozialistischen Diktatur teilweise im Untergrund aufrechterhalten worden.

Schon im April 1945 fanden erste Zusammenkünfte statt, bei denen über den politischen und wirtschaftlichen Neubeginn beraten wurde.

Eine wichtige Frage war dabei, ob SPD und KPD nach den Erfahrungen der Weimarer Republik wieder als eigenständige Parteien entstehen oder sich zu einer gemeinsamen Arbeiterpartei zusammenschließen sollten.

Die Wiedergründung der Sozialdemokratie im Frühjahr 1945

Eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau der Sozialdemokratie im Landkreis Sonneberg übernahm Theo Gundermann (1904–1974).

Gundermann war bereits vor 1933 in der Sozialistischen Arbeiterjugend, den freien Gewerkschaften und der SPD aktiv gewesen. Er hatte dem SPD-Kreisvorstand angehört und war 1931 und 1932 in den Sonneberger Stadtrat gewählt worden.

Nach dem Verbot der SPD beteiligte er sich an der illegalen Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus. Er gehörte zu den führenden Mitgliedern der sogenannten „Jungen Marxisten“, einer im Landkreis Sonneberg aktiven Widerstandsorganisation, die frühere Angehörige unterschiedlicher Arbeiterparteien zusammenführte.

Wegen seiner politischen Tätigkeit wurde Gundermann 1935 verhaftet und anschließend mehrere Jahre inhaftiert.

Nach Kriegsende gehörte er zu den wichtigsten Initiatoren der Wiedergründung der SPD im Landkreis Sonneberg.²

Bereits Mitte April 1945 trafen sich ehemalige Mitglieder der Arbeiterbewegung, um über die zukünftige politische Arbeit zu beraten.

Unter den Beteiligten gab es eine ausgeprägte Bereitschaft, die frühere Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu überwinden. Die Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur hatten bei vielen die Überzeugung gestärkt, dass die Uneinigkeit der Arbeiterbewegung vor 1933 zur Schwächung des demokratischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus beigetragen hatte.

Manche befürworteten deshalb einen unmittelbaren gemeinsamen Neubeginn.

Gundermann setzte sich jedoch zunächst dafür ein, die SPD als eigenständige Partei wiederzugründen. Damit hielt er an der organisatorischen Selbstständigkeit der Sozialdemokratie fest, ohne eine politische Zusammenarbeit mit der KPD grundsätzlich auszuschließen.

Im Mai 1945 ergriff er die Initiative zum Wiederaufbau der Sonneberger SPD. Seine Bemühungen bildeten eine wichtige Grundlage für die erneute Organisation der Partei im Kreisgebiet.³

Während der zunächst bestehenden amerikanischen Besatzung waren selbstständige politische Aktivitäten allerdings nur eingeschränkt möglich.

Im Juni 1945 gestattete die Sowjetische Militäradministration mit ihrem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni die Bildung antifaschistischer und demokratischer Parteien innerhalb ihrer Besatzungszone.

Am 2. und 3. Juli 1945 begann in Sonneberg der Wechsel von der amerikanischen zur sowjetischen Besatzungsmacht. Die letzten amerikanischen Truppen verließen die Stadt wenige Tage später.

Damit veränderten sich auch die politischen Rahmenbedingungen für den Wiederaufbau der Parteien.⁴

Der Aufbau der SPD-Kreisorganisation

In den Monaten Juli und August 1945 entstanden im Landkreis Sonneberg zahlreiche Orts- und Betriebsgruppen der SPD und der KPD.

Die Sozialdemokraten knüpften dabei an ihre organisatorischen Traditionen aus der Zeit vor 1933 an. Ehemalige Parteimitglieder und Gewerkschaftsfunktionäre übernahmen erneut politische Verantwortung. Daneben schlossen sich auch jüngere Menschen der Partei an, die während der nationalsozialistischen Herrschaft noch keiner demokratischen Partei hatten angehören können.

Theo Gundermann übernahm den Vorsitz der SPD-Kreisorganisation Sonneberg.

Als Kreisvorsitzender gehörte er zu den führenden Vertretern der wiedergegründeten Thüringer Sozialdemokratie. Zugleich nahm er eine wichtige Vermittlerrolle zwischen der örtlichen SPD, der Landesorganisation und der KPD ein.⁵

Neben Gundermann wirkten weitere Sozialdemokraten am politischen Neubeginn mit.

Zu ihnen gehörte Darius Suffa, der bereits während der Weimarer Republik dem Sonneberger Stadtrat angehört hatte. Er engagierte sich nach Kriegsende insbesondere beim Wiederaufbau der Gewerkschaftsbewegung.

Im Juli 1945 fanden erste Beratungen zur Neuorganisation der Gewerkschaften im Landkreis statt, an denen Suffa maßgeblich beteiligt war.

Eine wichtige Rolle spielte außerdem Willy Bunzel, der ebenfalls vor 1933 als SPD-Stadtverordneter tätig gewesen war und sich nach Kriegsende am politischen Wiederaufbau beteiligte.

Daneben waren weitere ehemalige Sozialdemokraten in antifaschistischen Ausschüssen und der öffentlichen Verwaltung aktiv.⁶

Die Parteiorganisation musste praktisch neu geschaffen werden. Dazu gehörten die Gewinnung von Mitgliedern, die Einrichtung von Ortsgruppen, die Organisation politischer Versammlungen und die Mitarbeit am Wiederaufbau der kommunalen Verwaltung.

Die politische Arbeit stand zugleich im Zeichen der materiellen Not der Nachkriegszeit. Fragen der Lebensmittelversorgung, des Wohnraums, der Wiederaufnahme der industriellen Produktion und der Unterstützung von Kriegsopfern gehörten zu den dringlichsten Aufgaben.

Die Wiedergründung der SPD in Neuhaus-Schierschnitz

Auch in Neuhaus-Schierschnitz wurde die Sozialdemokratie nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wieder als eigenständige Partei organisiert.

Im Juli 1945 entstanden dort erneut Ortsgruppen der SPD und der KPD.

Zur Leitung der wiedergegründeten SPD-Ortsgruppe Neuhaus-Schierschnitz gehörten fünf Sozialdemokraten:

  • Walter Dathe
  • Adolf Rose
  • Hermann Walter
  • Paul Beck
  • Robert Maurer

Damit konnte auch in Neuhaus-Schierschnitz an die örtliche sozialdemokratische Tradition angeknüpft werden, die mit der Gründung der ersten SPD-Ortsgruppe in Neuhaus 1899 und einer weiteren Ortsgruppe in Schierschnitz 1906 begonnen hatte.

Über die genaue Verteilung der Funktionen innerhalb der fünfköpfigen SPD-Ortsgruppenleitung ist bislang wenig bekannt. Walter Dathe sollte jedoch bei der späteren Vereinigung mit der KPD eine wichtige Rolle übernehmen.⁷

Auch die KPD organisierte sich im Ort neu. Zu ihren führenden Vertretern gehörten unter anderem Berthold Thieg und Heinrich Bauersachs, die bereits vor 1933 beziehungsweise während der nationalsozialistischen Diktatur in der kommunistischen Arbeiterbewegung aktiv gewesen waren.

Die wiedergegründeten Parteien bestanden bis April 1946 nebeneinander.

Zusammenarbeit und politische Spannungen zwischen SPD und KPD

Das Verhältnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten war im Sommer und Herbst 1945 von widersprüchlichen Entwicklungen geprägt.

Einerseits bestand bei vielen Mitgliedern beider Parteien der Wunsch nach einer engen Zusammenarbeit. Nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur sollte eine erneute politische Spaltung der Arbeiterbewegung möglichst vermieden werden.

Andererseits bestanden weiterhin erhebliche Unterschiede im politischen Selbstverständnis, in der Parteiorganisation und in den Vorstellungen über die zukünftige gesellschaftliche Ordnung.

Die SPD wollte ihre organisatorische Selbstständigkeit bewahren und auf parlamentarischer sowie innerparteilich demokratischer Grundlage am Wiederaufbau mitwirken.

Die KPD trat zunehmend für eine organisatorische Vereinigung beider Arbeiterparteien ein. Dabei konnte sie sich auf die Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht stützen.

Die Spannungen waren auch im Landkreis Sonneberg deutlich erkennbar.

Auf einer KPD-Kreiskonferenz am 7. Oktober 1945 äußerte sich der damalige Landrat Dr. Hans Weinland (KPD) ausgesprochen kritisch gegenüber der SPD.

Weinland betrachtete die Sozialdemokraten als politisches Hindernis und bezeichnete die Zusammenarbeit innerhalb der Einheitsfront als von oben angeordnet.

Damit zeigte sich, dass selbst innerhalb der KPD keineswegs alle Mitglieder die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie aus eigener Überzeugung befürworteten.⁸

Auch die SPD sah sich zunehmend mit Schwierigkeiten konfrontiert.

Auf einer Sitzung des Gesamtvorstandes der thüringischen SPD am 26. November 1945 in Weimar berichtete ein Sonneberger Sozialdemokrat über die Einschränkungen der Parteiarbeit durch die sowjetische Kommandantur.

Für politische Vorträge mussten schriftliche Ausarbeitungen angefertigt und vorab in russischer Sprache zur Genehmigung vorgelegt werden.

Zusätzlich wurden kurzfristig umfangreiche Berichte über die Entwicklung, Mitgliederzahl, Tätigkeit und soziale Zusammensetzung der SPD verlangt.

Gerade in kleineren Orten wie Sonneberg und Steinach waren diese Anforderungen schwer zu erfüllen, weil entsprechende Übersetzer nicht zur Verfügung standen.⁹

Die zunehmende Kontrolle durch die Besatzungsmacht erschwerte die eigenständige politische Arbeit der SPD erheblich.

Damit entstand bereits im Herbst 1945 eine Situation, in der zwar beide Arbeiterparteien formal weiterhin selbstständig bestanden, ihre politischen Handlungsmöglichkeiten aber zunehmend ungleich verteilt waren.

Die Diskussion um die Vereinigung der Arbeiterparteien

Auch innerhalb der thüringischen SPD waren die Auffassungen über die zukünftige Zusammenarbeit mit der KPD unterschiedlich.

Ein Teil der Sozialdemokraten befürwortete eine möglichst schnelle Vereinigung. Andere wollten zunächst die organisatorische Selbstständigkeit erhalten und eine längerfristige Zusammenarbeit auf gleichberechtigter Grundlage entwickeln.

Wieder andere lehnten die Vereinigung grundsätzlich ab.

Die Thüringer Sozialdemokratie stand zunächst unter dem Einfluss von Hermann Brill, der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald den Aufbau einer demokratisch-sozialistischen Partei vorangetrieben hatte.

Brill befürwortete grundsätzlich die Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung. Er bestand jedoch auf einer demokratischen Grundlage, der Gleichberechtigung der Beteiligten und der Möglichkeit einer gesamtdeutschen Entwicklung.

Mit diesen Vorstellungen geriet er zunehmend in Konflikt mit den politischen Zielen der KPD-Führung und der sowjetischen Besatzungsmacht.

Im Herbst 1945 verstärkte die KPD ihre Bemühungen um einen baldigen organisatorischen Zusammenschluss. Gleichzeitig nahm der politische und administrative Druck auf die SPD zu.¹⁰

Auch in Sonneberg veränderten sich die Positionen.

Während Theo Gundermann im Frühjahr 1945 zunächst auf der eigenständigen Wiedergründung der SPD bestanden hatte, gehörte er Anfang 1946 zu den Befürwortern einer Vereinigung mit der KPD.

Seine Haltung bedeutete jedoch nicht, dass er den politischen Führungsanspruch der Kommunisten vorbehaltlos akzeptierte.

Vor einer gemeinsamen Versammlung geriet Gundermann mit einem Mitglied der KPD-Kreisleitung aneinander. Der kommunistische Funktionär stellte unmissverständlich klar, dass aus seiner Sicht bei der Vereinigung die Frage entscheidend sei, welche Partei die andere übernehmen werde.

Dieser Konflikt verdeutlichte die unterschiedlichen Erwartungen an den Zusammenschluss. Während Gundermann eine Vereinigung der Arbeiterparteien unterstützte, war für einzelne KPD-Funktionäre offenbar die politische Vorherrschaft der eigenen Partei entscheidend.¹¹

Der Weg zur Vereinigung Anfang 1946

Zu Beginn des Jahres 1946 nahm die Entwicklung hin zu einer gemeinsamen Partei deutlich an Geschwindigkeit zu.

Am 20. Januar 1946 fand in Jena eine gemeinsame Landesfunktionärskonferenz von SPD und KPD statt, bei der die weitere Vorbereitung der Vereinigung beschlossen wurde.

Auch in den einzelnen Kreisen wurden nun gemeinsame Versammlungen organisiert.

Ein wichtiges Ereignis im Landkreis Sonneberg war die gemeinsame Mitgliederversammlung von SPD und KPD am 27. Januar 1946 im Großen Saal des Sonneberger Gesellschaftshauses.

Die Veranstaltung gehörte zu den sichtbaren Schritten auf dem Weg zur Zusammenführung beider Parteien.

In den folgenden Wochen fanden weitere Beratungen und Veranstaltungen in den Gemeinden und Betrieben des Landkreises statt.

Während die Befürworter der Vereinigung ihre Zustimmung öffentlich zum Ausdruck brachten, waren die Handlungsmöglichkeiten derjenigen Sozialdemokraten, die eine eigenständige Partei erhalten wollten, zunehmend eingeschränkt.¹²

Eine freie und geheime Abstimmung aller SPD-Mitglieder über die Vereinigung fand in der sowjetischen Besatzungszone nicht statt.

Gleichzeitig griff die sowjetische Besatzungsmacht immer stärker in die politischen Entscheidungsprozesse ein. Kritiker der Vereinigung wurden unter Druck gesetzt, teilweise verhaftet oder aus ihren politischen Funktionen gedrängt.

Die spätere Vereinigung von SPD und KPD beruhte deshalb nicht auf einer freien und gleichberechtigten Entscheidung aller Mitglieder.

Dennoch gab es auch innerhalb der Sozialdemokratie überzeugte Befürworter des Zusammenschlusses. Die unterschiedlichen persönlichen Motive und politischen Erwartungen müssen bei der Bewertung der Ereignisse berücksichtigt werden.¹³

April 1946: Die Vereinigung von SPD und KPD zur SED

Am 6. und 7. April 1946 fanden in Gotha die abschließenden Parteitage der thüringischen SPD und KPD sowie der gemeinsame Vereinigungsparteitag statt.

Am 7. April wurde die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) auf thüringischer Landesebene gebildet.

Zu den Delegierten aus dem Landkreis Sonneberg gehörten auf sozialdemokratischer Seite Theo Gundermann und Darius Suffa.

Die KPD wurde unter anderem durch Willy Geyer und Georg Klaus vertreten.¹⁴

In Thüringen übernahmen zunächst Werner Eggerath aus der KPD und Heinrich Hoffmann aus der SPD gemeinsam den Vorsitz der neuen Partei.

Die organisatorische Vereinigung wurde auch in den Kreis- und Ortsorganisationen vollzogen.

Am 12. April 1946 fand in Sonneberg eine weitere Versammlung nach dem thüringischen Vereinigungsparteitag statt.

In den neuen SED-Kreisvorstand wurden unter anderem Georg Klaus als Erster Politischer Sekretär und Willy Bunzel als Organisationssekretär gewählt.

Mit Willy Bunzel übernahm damit ein früherer sozialdemokratischer Stadtverordneter eine wichtige Funktion innerhalb der neuen Kreisparteiorganisation.¹⁵

Am 21. und 22. April 1946 erfolgte schließlich im Berliner Admiralspalast die Vereinigung von SPD und KPD zur SED auf der Ebene der sowjetischen Besatzungszone.

Der symbolische Händedruck zwischen Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck wurde zum bekanntesten Bild dieses Zusammenschlusses.

Auch Theo Gundermann und Willy Geyer nahmen an dem Vereinigungsparteitag in Berlin teil.

Damit war die organisatorische Selbstständigkeit der SPD im Landkreis Sonneberg nach weniger als einem Jahr wieder beendet.

Die Vereinigung in Neuhaus-Schierschnitz

Auch in Neuhaus-Schierschnitz wurden die örtlichen Organisationen von SPD und KPD im April 1946 zur SED zusammengeführt.

Die neue Ortsleitung wurde zunächst paritätisch besetzt.

Berthold Thieg (KPD) übernahm den Ersten Vorsitz, Walter Dathe (SPD) wurde Zweiter Vorsitzender.

Weitere Mitglieder der gemeinsamen Leitung waren Heinrich Bauersachs, Arthur Posecker, Georg Schubart und Richard Müller.

Zum Vereinigungsparteitag in Gotha wurden aus Neuhaus-Schierschnitz Walter Dathe, Heinrich Bauersachs und Maria Roth delegiert.

Bei Walter Dathe und Heinrich Bauersachs ist ihre frühere Parteizugehörigkeit eindeutig überliefert. Die bisherige Parteizugehörigkeit von Maria Roth lässt sich dagegen noch nicht sicher bestimmen.¹⁶

Die paritätische Zusammensetzung der neuen Leitung sollte zunächst die Gleichberechtigung beider Parteitraditionen gewährleisten.

In der weiteren Entwicklung setzte sich jedoch zunehmend der kommunistische Führungsanspruch innerhalb der SED durch.

Die eigenständige Sozialdemokratie in Neuhaus-Schierschnitz, deren Geschichte bis zur Gründung der ersten Ortsgruppe im Jahr 1899 zurückreichte, endete damit ebenso wie die selbstständige SPD-Kreisorganisation.

Ehemalige Sozialdemokraten in der neuen SED

Nach der Vereinigung setzten zahlreiche frühere SPD-Funktionäre ihre politische Tätigkeit innerhalb der SED fort.

Dies galt auch für mehrere führende Sozialdemokraten im Landkreis Sonneberg.

Theo Gundermann blieb politisch aktiv und gehörte dem Thüringer Landesvorstand der SED an. 1946 wurde er stellvertretender Landrat des Kreises Sonneberg. Im Jahr 1948 übernahm er schließlich selbst das Landratsamt, das er bis 1950 ausübte.

Auch Darius Suffa und Willy Bunzel engagierten sich weiterhin in der politischen und gewerkschaftlichen Arbeit.

Eine weitere wichtige Persönlichkeit war Olga Brückner (1899–1980).

Brückner hatte sich bereits seit ihrer Jugend in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung engagiert. Seit 1918 war sie Mitglied der SPD gewesen und hatte bis 1933 verschiedene Funktionen innerhalb der Sonneberger Parteiorganisation übernommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie erneut zu den politisch aktiven ehemaligen Sozialdemokratinnen.

1946 wurde sie Mitglied der SED und übernahm die Funktion einer Kreisfrauenreferentin beim Kreisamt Sonneberg. Im selben Jahr wurde sie in den Thüringer Landtag gewählt.

Später gehörte sie zu den führenden Kommunalpolitikerinnen des Landkreises. Von Dezember 1950 bis Dezember 1951 war sie Bürgermeisterin der Stadt Sonneberg, anschließend Landrätin und von 1952 bis 1960 Vorsitzende des Rates des Kreises Sonneberg.¹⁷

Die politische Entwicklung dieser ehemaligen Sozialdemokraten zeigt, dass ein Teil der früheren SPD-Funktionäre die Vereinigung nicht nur organisatorisch mitvollzog, sondern anschließend auch führende Ämter innerhalb der neuen Partei und der öffentlichen Verwaltung übernahm.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die gesamte frühere SPD-Mitgliedschaft den Zusammenschluss gleichermaßen befürwortete.

Die überlieferten politischen Funktionen geben vor allem Auskunft über diejenigen Personen, die innerhalb der neuen Parteistrukturen weiterhin öffentlich tätig waren.

Über Sozialdemokraten, die eine Vereinigung ablehnten, sich aus der Politik zurückzogen oder später die SED verließen, liegen für den Landkreis Sonneberg bislang deutlich weniger Informationen vor.

Die Kreistagswahl vom 20. Oktober 1946

Am 20. Oktober 1946 fanden in Thüringen Wahlen zu den Kreistagen und zum Landtag statt.

Für die frühere SPD im Landkreis Sonneberg war dies eine grundlegende Veränderung gegenüber den Wahlen der Weimarer Republik.

Während SPD und KPD vor 1933 eigenständig angetreten waren, standen sie nun nicht mehr als getrennte Parteien zur Wahl.

Stattdessen trat die im April gegründete SED als gemeinsame Partei an.

Die Kreistagswahl von 1946 fand noch als Mehrparteienwahl statt. Neben der SED konnten unter anderem die Liberal-Demokratische Partei (LDP) und die Christlich-Demokratische Union (CDU) antreten.

Allerdings waren die politischen Rahmenbedingungen durch die sowjetische Besatzung, die Einflussnahme auf das Parteiensystem und die vorangegangene Zwangsvereinigung erheblich eingeschränkt.

Von einer vollständig freien und gleichberechtigten demokratischen Wahl konnte daher nicht gesprochen werden. Zugleich unterschied sich die Wahl noch deutlich von den späteren Einheitslistenwahlen in der DDR.¹⁸

Ergebnis der Kreistagswahl im Landkreis Sonneberg am 20. Oktober 1946

Partei bzw. Wahlvorschlag

Stimmen

Anteil

Sitze

Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED)

32.412

63,94 %

32

Liberal-Demokratische Partei (LDP)

9.886

19,50 %

10

Christlich-Demokratische Union (CDU)

7.221

14,25 %

7

Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) und weitere

1.171

2,31 %

1

Insgesamt

50.690

100 %

50

Die SED erreichte damit eine deutliche absolute Mehrheit im Sonneberger Kreistag. Mit 63,94 Prozent lag ihr Stimmenanteil im Landkreis Sonneberg erheblich über dem landesweiten Ergebnis der SED.

Das Wahlergebnis darf jedoch nicht rückwirkend als Ergebnis der früheren SPD und KPD verstanden werden.

Die SED war eine neue Partei, deren Entstehung unter erheblichen politischen Einschränkungen erfolgt war. Wie sich die ehemaligen Wähler der SPD und der KPD bei einer freien Wahl zwischen beiden Parteien entschieden hätten, lässt sich aus dem Ergebnis nicht mehr bestimmen.

Die Wahl verdeutlichte zugleich die weiterhin große Bedeutung der politischen Traditionen der Arbeiterbewegung im Landkreis Sonneberg. Noch vor 1933 hatten SPD und KPD gemeinsam über viele Jahre einen erheblichen Teil der Wählerschaft erreicht.

Mit der SED entstand nun jedoch eine Parteiorganisation, deren weitere Entwicklung zunehmend durch die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht und die kommunistische Parteiführung bestimmt wurde.¹⁹

Die Folgen für die Sozialdemokratie

Die Vereinigung von SPD und KPD im April 1946 stellte einen tiefgreifenden Einschnitt in der Geschichte der Sozialdemokratie im Landkreis Sonneberg dar.

Einerseits hatten viele Sozialdemokraten gehofft, durch die Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung eine gemeinsame Grundlage für den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau schaffen zu können.

Andererseits war die Entscheidung über den Zusammenschluss nicht unter freien und gleichberechtigten Bedingungen erfolgt.

Die zunehmenden Eingriffe der sowjetischen Besatzungsmacht, der politische Druck auf die SPD und der wachsende Einfluss der KPD-Führung hatten die Möglichkeiten einer eigenständigen sozialdemokratischen Entwicklung erheblich eingeschränkt.

Auch nach der Vereinigung bestanden zunächst unterschiedliche politische Traditionen innerhalb der SED fort.

Die aus der SPD kommenden Mitglieder brachten ihre Erfahrungen mit parlamentarischer Demokratie, gewerkschaftlicher Interessenvertretung und kommunaler Selbstverwaltung ein. Dem stand zunehmend ein zentralistisches Parteiverständnis gegenüber, das sich an der kommunistischen Organisationsform orientierte.

In den folgenden Jahren wurde die SED immer stärker nach dem Vorbild der sowjetischen kommunistischen Partei umgestaltet. Die ursprünglich zugesagte Gleichberechtigung der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteitraditionen verlor zunehmend an Bedeutung.

Auch die Entwicklung einzelner früherer Sozialdemokraten verlief unterschiedlich.

Während Persönlichkeiten wie Theo Gundermann und Olga Brückner ihre politische Tätigkeit in der SED fortsetzten, entfernten sich andere ehemalige SPD-Mitglieder später wieder von der neuen Partei.

Ein Beispiel hierfür war der aus Sonneberg stammende Walter Scheler (1923–2008), der Anfang 1946 der SPD beigetreten und durch die Vereinigung Mitglied der SED geworden war.

1949 verließ er die SED. In den folgenden Jahren geriet er zunehmend in Konflikt mit den politischen Verhältnissen in der DDR. 1952 wurde er mit seiner Familie aus Sonneberg nach Jena zwangsumgesiedelt. Während des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 beteiligte er sich in Jena an den Protesten und wurde anschließend von einem sowjetischen Militärtribunal zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.²⁰

Sein Lebensweg zeigt beispielhaft, dass der Eintritt in die SED im Jahr 1946 nicht zwangsläufig eine dauerhafte Zustimmung zu ihrer späteren politischen Entwicklung bedeutete.

Rückblick

Die Jahre 1945 und 1946 bildeten eine kurze, aber bedeutende Phase in der Geschichte der SPD im Landkreis Sonneberg.

Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Verfolgung gelang es ehemaligen Sozialdemokraten, ihre Partei wiederaufzubauen und erneut am politischen Leben mitzuwirken.

Mit Theo Gundermann stand dabei ein Sozialdemokrat an der Spitze der Kreisorganisation, der bereits während der Weimarer Republik politisch aktiv gewesen war und sich anschließend am illegalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt hatte.

Auch zahlreiche weitere frühere Parteimitglieder übernahmen beim demokratischen und gesellschaftlichen Neubeginn Verantwortung.

Die Wiedergründung knüpfte an eine sozialdemokratische Tradition an, die im Landkreis Sonneberg bis in das 19. Jahrhundert zurückreichte.

Die eigenständige Entwicklung der SPD wurde jedoch bereits nach wenigen Monaten durch den zunehmenden politischen Druck auf eine Vereinigung mit der KPD eingeschränkt.

Im April 1946 endete mit der Bildung der SED die organisatorische Selbstständigkeit der Sozialdemokratie im Landkreis Sonneberg.

Zahlreiche ehemalige Sozialdemokraten setzten ihre Tätigkeit innerhalb der neuen Partei fort. Andere zogen sich aus der Politik zurück oder gerieten später in Konflikt mit der sich entwickelnden SED-Herrschaft.

Erst im Zuge der Friedlichen Revolution von 1989 wurde es wieder möglich, die Sozialdemokratie im Landkreis Sonneberg als eigenständige politische Partei aufzubauen.


Einzelnachweise

¹ Landkreis Sonneberg: Geschichte des Landkreises Sonneberg; Martina Hunka: „Kriegsende 1945: Amerikaner bewiesen Geduld mit Sonneberg“, in: Freies Wort/inSüdthüringen, 11. April 2025.

² Gerhard Kaiser: „Laßt nicht locker“. Antifaschistischer Widerstand im Thüringer Wald, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft II, Mai 2003, S. 111–128, besonders S. 120–122. Digitalisat der Friedrich-Ebert-Stiftung.

³ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg? Sozialdemokraten und Kommunisten in Thüringen 1919 bis 1949, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Band 29, Köln/Weimar/Wien 2011, S. 255–256 und 551. Kachel stützt sich unter anderem auf die Erinnerungen Theo Gundermanns, Bundesarchiv Berlin, SAPMO, SGY 30/1325. Verlagsnachweis.

⁴ Bundesarchiv: Die Gründung der SED; Martina Hunka: „80 Jahre Kriegsende: Die Kriegsbeute der Amerikaner“, in: Freies Wort/inSüdthüringen, 11. Juli 2025.

⁵ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, S. 356, Anmerkung 468, und S. 551. Der SPD-Kreisvorsitz wird dort ausdrücklich genannt. Das genaue Datum von Gundermanns Wahl ist bisher nicht festgestellt. Die dortige Bezeichnung Gundermanns als Landrat für die Zeit vor 1948 ist unzutreffend und wurde nicht übernommen.

⁶ Historische Darstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Landkreis Sonneberg, aus einer betriebsgeschichtlichen DDR-Veröffentlichung des VEB Sonni, Anfang der 1980er-Jahre, online wiedergegeben beim DDR-Spielzeugmuseum Aschersleben. Die Darstellung nennt unter anderem Darius Suffa als Initiator des gewerkschaftlichen Neubeginns im Juli 1945. Die politischen Wertungen der Veröffentlichung wurden nicht übernommen.

⁷ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, Festschrift, Neuhaus-Schierschnitz 1965, S. 42; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, Festschrift, Neuhaus-Schierschnitz 1990, S. 59.

⁸ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, S. 323–324. Grundlage ist der Bericht über die KPD-Kreiskonferenz in Sonneberg vom 7. Oktober 1945, Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bestand SED-Bezirksleitung Erfurt, Nachlass E. Frommhold, V/6/10-12.

⁹ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, S. 336–337; Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen, Bestand SED-Bezirksleitung Suhl, II/3/08, Protokoll der Sitzung des Gesamtvorstands der SPD Thüringen vom 26. November 1945. Auszüge ebenfalls in Andreas Malycha: Auf dem Weg zur SED. Die Sozialdemokratie und die Bildung einer Einheitspartei in den Ländern der SBZ. Eine Quellenedition, Bonn 1995, S. 194–243.

¹⁰ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, insbesondere S. 293–340; Andreas Malycha: Sozialdemokraten und die Gründung der SED, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

¹¹ Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, S. 356, Anmerkung 468. Der geschilderte Konflikt beruht auf den Erinnerungen Theo Gundermanns, Bundesarchiv Berlin, SAPMO, SGY 30/1325, S. 24.

¹² Historische Darstellung zur Sonneberger Arbeiterbewegung, aus einer betriebsgeschichtlichen DDR-Veröffentlichung des VEB Sonni, online wiedergegeben beim DDR-Spielzeugmuseum Aschersleben; Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg?, 2011, S. 354–357.

¹³ Andreas Malycha: Auf dem Weg zur SED, Bonn 1995; ders.: „Sozialdemokraten und die Gründung der SED“, Bundesstiftung Aufarbeitung; Bundeszentrale für politische Bildung: Parteigründungen in der SBZ und in den Westzonen, 2024.

¹⁴ Historische Darstellung zur Sonneberger Arbeiterbewegung, online beim DDR-Spielzeugmuseum Aschersleben; Landesarchiv Thüringen: Bestand Landesleitung der SED Thüringen, 1945–1952, zur Vereinigung auf Landesebene am 7. April 1946 in Gotha.

¹⁵ Historische Darstellung zur Sonneberger Arbeiterbewegung, online beim DDR-Spielzeugmuseum Aschersleben, Angaben zur Versammlung vom 12. April 1946. Die personelle Zusammensetzung des frühen SED-Kreisvorstands ist noch nicht anhand der ursprünglichen Kreisvorstandsprotokolle überprüft.

¹⁶ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 42. Die dort genannten Mitglieder der örtlichen SED-Leitung und die Delegierten zum Vereinigungsparteitag bilden die Grundlage für die personellen Angaben.

¹⁷ Jochen Lengemann: Thüringische Landesparlamente 1919–1952. Biographisches Handbuch, Köln/Weimar/Wien 2014, S. 195–196, biografischer Eintrag zu Olga Brückner; Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen, Nachlass Olga Brückner, Bestand 4-97-9040; zu Gundermann: Steffen Kachel, Ein rot-roter Sonderweg?, S. 551.

¹⁸ Bundeszentrale für politische Bildung: Parteigründungen in der SBZ und in den Westzonen, 2024; Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Historischer Hintergrund zur doppelten Staatsgründung.

¹⁹ Guido Dressel: Wahlen und Abstimmungsergebnisse 1920–1995, Reihe Quellen zur Geschichte Thüringens, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2010, S. 160–161. Originalquellen: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Thüringer Ministerium des Innern, Nr. 2693, Bl. 8r, und Nr. 2672, Bl. 1–7r und 20r. Digitalisat der Landeszentrale für politische Bildung.

²⁰ Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Walter Scheler, Biografische Datenbank „Wer war wer in der DDR?“; Helmut Voigt: „Walter Scheler“, biografischer Beitrag, in: Ulrich Mählert (Hrsg.): Der 17. Juni 1953, Bonn 2003. Digitalisat.