Geschichte der SPD in Neuhaus-Schierschnitz bis 1933
Die Anfänge der Arbeiterbewegung
Die Geschichte der Sozialdemokratie in Neuhaus-Schierschnitz reicht bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurück. Ihre Entstehung war eng mit der Industrialisierung des Ortes, dem Bergbau und den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verbunden.
Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte sich Neuhaus zu einem Standort des Steinkohlenbergbaus. Im 19. Jahrhundert kamen weitere Industriebetriebe hinzu. Die Eisenverarbeitung, das Walzwerk und später die Porzellanindustrie prägten die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Während Neuhaus zunehmend zu einem industriell geprägten Arbeiterort wurde, bewahrten die umliegenden Gemeinden zunächst stärker ihren landwirtschaftlichen Charakter.¹
Mit der wachsenden Zahl der Industriearbeiter entstanden auch erste Zusammenschlüsse zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessen.
Bereits vor 1878 sollen in Neuhaus und Schierschnitz Arbeiterbildungsvereine bestanden haben. Genauere Aufzeichnungen über deren Entstehung sind allerdings nicht überliefert. Diese frühen Vereine bildeten vermutlich einen Ausgangspunkt für die spätere Organisation der Sozialdemokratie.²
Während der Geltungsdauer des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890 waren sozialdemokratische Organisationen im Deutschen Kaiserreich erheblichen Einschränkungen und staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Nach dessen Aufhebung konnten sich wieder offen sozialdemokratische Vereine bilden.
In Neuhaus und Schierschnitz entwickelte sich daraufhin eine organisierte sozialdemokratische Bewegung, die sich insbesondere für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und die politische Mitbestimmung der Arbeiter einsetzte.
1899: Gründung der SPD-Ortsgruppe Neuhaus
Im Jahr 1899 wurde in Neuhaus eine Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gegründet.
Ihre frühe Leitung lag in den Händen von vier Sozialdemokraten:
- Karl Jakob
- Emil Schindhelm
- Wilhelm Börner
- Heinrich Löffler
Die Ortsgruppe zählte damals ungefähr 50 bis 60 Mitglieder.³
Damit verfügte Neuhaus bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts über eine organisierte sozialdemokratische Partei, die innerhalb der örtlichen Arbeiterschaft einen festen Rückhalt besaß.
Zu den frühen politischen Aufgaben gehörten die Gewinnung neuer Mitglieder, die Verbreitung sozialdemokratischer Zeitungen und die Beteiligung an Wahlen.
Die politischen Verhältnisse waren für die Sozialdemokratie allerdings noch schwierig. Bei den ersten Gemeindewahlen konnte sie sich gegenüber den bürgerlichen Kräften zunächst nicht durchsetzen.
Eine besondere Rolle spielte das damals geltende Dreiklassenwahlrecht, das wohlhabende Einwohner bei der politischen Mitbestimmung begünstigte. So besaß der Unternehmer Baron von Swaine als Eigentümer des örtlichen Hüttenwerks erheblichen politischen Einfluss.
Auch nach dem Ende des Sozialistengesetzes sahen sich die Sozialdemokraten weiterhin staatlicher Überwachung ausgesetzt. Parteiversammlungen wurden 1899 und 1900 teilweise unter freiem Himmel abgehalten, weil die Mitglieder polizeiliche Kontrollen und Verfolgung befürchteten.⁴
Die sozialdemokratische Bewegung beschränkte sich jedoch nicht auf die unmittelbare Parteiarbeit. Bereits am 6. Juli 1890 war in Neuhaus ein Konsumverein gegründet worden, der auch für die Familien sozialdemokratischer Arbeiter von Bedeutung war.
Genossenschaftliche Einrichtungen ermöglichten es Beschäftigten und ihren Familien, sich durch gemeinschaftliche Organisation wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Zugleich engagierten sich zunehmend auch Frauen aus Arbeiterfamilien im Umfeld der Sozialdemokratie und unterstützten deren Bildungs- und Aufklärungsarbeit.
Die Arbeitskämpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Industriearbeiter blieben auch nach der Jahrhundertwende angespannt.
Besonders schwierig war die Situation in den Hütten- und Walzwerken, in denen häufig lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne herrschten.
Im Neuhäuser Walzwerk waren Arbeitszeiten von zwölf Stunden täglich üblich. Erwachsene Arbeiter erhielten Wochenlöhne zwischen zwölf und fünfzehn Mark. Jugendliche verdienten teilweise nur 50 Pfennig am Tag.
Hinzu kamen niedrige Lehrlingsvergütungen und ein strenges betriebliches Strafsystem.⁵
Die Sozialdemokratie versuchte, die Arbeiter politisch zu organisieren und ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. Dabei standen Lohnforderungen, bessere Arbeitsbedingungen und der Schutz vor willkürlichen Maßnahmen der Arbeitgeber im Mittelpunkt.
Bei der Landtagswahl von 1902 trat Rudolf Wächter aus Hüttensteinach als sozialdemokratischer Kandidat an.
Der Inspektor des Neuhäuser Walzwerks, Georg Richter, forderte die Arbeiter zur Teilnahme an der Wahl auf. Da Rudolf Wächter der einzige aufgestellte Kandidat gewesen sein soll, konnte Richter auf diese Weise erkennen, wer sozialdemokratisch gewählt hatte. Anschließend wurden mehrere sozialdemokratische Beschäftigte entlassen.⁶
Dieser Vorgang verdeutlicht die Schwierigkeiten, denen sich politisch engagierte Arbeiter gegenübersehen konnten. Die Ausübung politischer Rechte war vielfach mit der Gefahr beruflicher Nachteile verbunden.
Besonders große Bedeutung erlangte ein Arbeitskampf in der benachbarten Porzellanfabrik Burggrub.
1905 traten dort zahlreiche Porzellanarbeiter in den Streik. Unter den Beschäftigten befanden sich auch viele Arbeiter aus Neuhaus.
Von insgesamt 107 Belegschaftsmitgliedern beteiligten sich 106 an dem Arbeitskampf, der 17 Wochen dauerte. Beschäftigte aus den umliegenden Orten unterstützten die Streikenden. Trotzdem konnten die Forderungen nicht durchgesetzt werden. Mehrere Arbeiter wurden nach dem Ende des Streiks nicht wieder eingestellt.⁷
Mit der Eröffnung des Porzellanbetriebes Marseille im Jahr 1906 erhielt die örtliche Industrie einen weiteren wichtigen Arbeitgeber.
Auch in anderen Branchen kam es zu Lohnauseinandersetzungen. So erreichten die Bauarbeiter im Jahr 1908 durch einen Streik eine Erhöhung der Stundenlöhne.
Diese Auseinandersetzungen bildeten den sozialen Hintergrund, vor dem sich die Sozialdemokratie in Neuhaus und Schierschnitz weiterentwickelte.
1906: Gründung einer SPD-Ortsgruppe in Schierschnitz
Während die SPD in Neuhaus bereits seit 1899 organisiert war, entstand 1906 auch in Schierschnitz eine eigene sozialdemokratische Ortsgruppe.
Als Vorsitzende sind überliefert:
- Albin Liebermann
- Heinrich Moser
- Berthold Bergmann
Ihre jeweiligen Amtszeiten sind bislang nicht bekannt.⁸
Damit waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts in beiden damals noch selbstständigen Gemeinden sozialdemokratische Organisationen vorhanden.
Die politische Arbeit der Ortsgruppen war eng mit den Beschäftigten der umliegenden Industriebetriebe verbunden. Die Arbeiterbewegung entwickelte sich zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Die beiden Ortsgruppen bestanden zunächst unabhängig voneinander. Erst am 1. April 1923 wurden die bis dahin selbstständigen Gemeinden Neuhaus, Schierschnitz, Buch, Gessendorf und Mark zur Gemeinde Neuhaus-Schierschnitz zusammengeschlossen.
Wann und in welcher Form die sozialdemokratischen Ortsorganisationen organisatorisch vereinigt wurden, ist bislang nicht bekannt.⁹
Arbeiterjugend, Bildungsarbeit und sozialdemokratische Vereine
Neben der eigentlichen Parteiarbeit spielte die politische und kulturelle Bildung der Arbeiterschaft eine wichtige Rolle.
Bereits 1905 entstand in Neuhaus ein Arbeitergesangverein, dem zunächst 30 Mitglieder angehörten.
Zwei Jahre später, 1907, wurde eine sozialdemokratische Arbeiterjugend gegründet, die anfangs 24 Mitglieder zählte.
Die Jugendlichen organisierten Lese- und Zeichenzirkel, in denen sie sich mit politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen beschäftigten. Dabei wurde unter anderem Literatur von Karl Marx gelesen.¹⁰
Die Arbeit der sozialdemokratischen Jugendorganisationen wurde von den Behörden aufmerksam verfolgt. Versammlungen mussten angemeldet werden und unterlagen teilweise polizeilicher Kontrolle.
Neben der Vermittlung politischer Bildung waren solche Zusammenschlüsse auch Orte der Gemeinschaft. Sie ermöglichten den jungen Arbeitern, sich außerhalb der Betriebe zu organisieren, miteinander auszutauschen und eigene Interessen zu entwickeln.
Die Arbeiterjugend bildete damit einen wichtigen Teil der sozialdemokratischen Bewegung in Neuhaus und Schierschnitz.
Die sozialdemokratische Presse und die Verbindung nach Sonneberg
Eine zentrale Bedeutung für die Verbreitung sozialdemokratischer Ideen hatte die Parteipresse.
Bereits in den 1890er-Jahren wurde in Neuhaus das „Saalfelder Volksblatt“ vertrieben. Die Zeitung berichtete über die Arbeiterbewegung und die politischen Entwicklungen in Thüringen.
Ab 1907 verbreitete sich zunehmend der in Sonneberg erscheinende „Thüringer Volksfreund“, der das Saalfelder Blatt als wichtigste örtliche sozialdemokratische Zeitung ablöste.
Den Aufbau des Zeitungsvertriebs in Neuhaus-Schierschnitz unterstützten fünf führende Sonneberger Sozialdemokraten:
Gustav König, Cuno Blechschmidt, Karl Knauer, Peter Eduard Wehder und Marcus Horn.
Zu ihnen gehörten damit mehrere Persönlichkeiten, die über viele Jahre die sozialdemokratische Partei- und Kommunalpolitik in Sonneberg prägten.
Peter Eduard Wehder war einer der führenden Sozialdemokraten im Herzogtum Sachsen-Meiningen und langjähriger Landtagsabgeordneter. Karl Knauer engagierte sich insbesondere in der Gewerkschaftsbewegung und wurde später Bürgermeister der Stadt Sonneberg.
Auch Cuno Blechschmidt war als sozialdemokratischer Funktionär und Mitarbeiter der Parteipresse über die Stadtgrenzen hinaus tätig.
Marcus Horn war Geschäftsführer des Thüringer Volksfreundes in Sonneberg.¹¹
Für den Vertrieb der Zeitung in Neuhaus-Schierschnitz waren insbesondere folgende Sozialdemokraten verantwortlich:
- Karl Jakob
- Hermann Möhring
- Lorenz Steininger
- Berthold Bergmann
Zur Finanzierung der Zeitung wurden bereits vor ihrer Gründung Sammlungen durchgeführt und Anteilsscheine verkauft.
Diese Zusammenarbeit verdeutlicht die enge Verbindung zwischen der Sozialdemokratie in der Stadt Sonneberg und den Ortsgruppen in Neuhaus und Schierschnitz.
Die sozialdemokratische Presse war nicht nur ein Nachrichtenmedium. Sie diente zugleich der politischen Bildung, der Organisation von Versammlungen und der Verbreitung gewerkschaftlicher Forderungen.
1912: Erste sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder
Ein bedeutender politischer Erfolg gelang der Sozialdemokratie im Jahr 1912.
Nach der Aufhebung des bisherigen Dreiklassenwahlrechts konnten erstmals zwei Sozialdemokraten in das örtliche Gemeindeparlament einziehen.
Damit gelang der SPD der Schritt von der außerparlamentarischen Interessenvertretung zur unmittelbaren Mitgestaltung der Kommunalpolitik.¹²
Die Namen der beiden gewählten Gemeindevertreter sind bislang nicht bekannt.
Die sozialdemokratische Ortsorganisation verfügte damit vor dem Ersten Weltkrieg über eine wachsende politische Bedeutung. Ihre Tätigkeit umfasste inzwischen Parteiversammlungen, Bildungsangebote, gewerkschaftliche Unterstützung, die Verbreitung der Parteipresse und die Mitarbeit in der Gemeindevertretung.
Der Erste Weltkrieg und die Spaltung der Arbeiterbewegung
Der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 stellte auch die Sozialdemokratie in Neuhaus und Schierschnitz vor neue Herausforderungen.
Wie im gesamten Deutschen Reich entstanden innerhalb der Arbeiterbewegung Auseinandersetzungen über die Haltung zum Krieg, die Bewilligung der Kriegskredite und die weitere politische Strategie.
Die Mehrheit der SPD unterstützte zunächst die sogenannte Burgfriedenspolitik, mit der innenpolitische Konflikte während des Krieges zurückgestellt werden sollten.
Auch die örtliche Sozialdemokratie folgte offenbar zunächst dieser Linie. Über die Haltung einzelner Mitglieder und mögliche innerparteiliche Auseinandersetzungen während der Kriegsjahre ist jedoch nur wenig bekannt.¹³
Die zunehmenden Konflikte innerhalb der SPD führten 1917 zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Die bisherige SPD wurde fortan zur Unterscheidung als Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) bezeichnet.
Nach dem Ende des Krieges und der Novemberrevolution von 1918 erlebte die Sozialdemokratie zunächst einen starken Mitgliederzuwachs. Zugleich verschärften sich jedoch die Gegensätze zwischen den verschiedenen politischen Strömungen der Arbeiterbewegung.
1919/1920: Die Entstehung von USPD und KPD
Im Jahr 1919 entstand auch in Neuhaus-Schierschnitz eine Ortsgruppe der USPD.
Als ihre Gründer sind überliefert:
- Otto Heublein
- Marino Werner
Ein Teil der bisherigen Sozialdemokraten schloss sich der neuen Partei an.¹⁴
Damit war die örtliche Arbeiterbewegung erstmals dauerhaft in unterschiedliche politische Organisationen gespalten.
Bereits ein Jahr später kam es zu einer weiteren grundlegenden Veränderung.
1920 wurde eine Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) gegründet.
Unter ihren Gründungsmitgliedern befanden sich Heinrich Sommerfeld, Arthur Posecker, Martin Zilensek, Gustav Wicklein, Heinrich Bauersachs, Berthold Bergmann, Max Kalb, Hugo Ehrhardt, Hermann Coburger, Albin Coburger, Robert Engelhardt, Julius Siegelin und Paul Wicklein.
Besonders bemerkenswert ist Berthold Bergmann, der zuvor als einer der Vorsitzenden der 1906 gegründeten SPD-Ortsgruppe Schierschnitz genannt wird. Seine spätere Mitwirkung an der KPD-Gründung zeigt, wie sich politische Überzeugungen und Parteibindungen innerhalb der örtlichen Arbeiterbewegung veränderten.
Die Mitglieder der USPD traten geschlossen zur KPD über. Damit gewann die kommunistische Bewegung im Ort erheblich an Bedeutung.¹⁵
Die SPD blieb jedoch weiterhin bestehen.
Bei den Gemeinderatswahlen von 1920 ergab sich folgende Sitzverteilung:
|
Partei |
Mandate |
|---|---|
|
KPD |
7 |
|
SPD |
2 |
|
Bürgerliche Parteien |
2 |
|
Insgesamt |
11 |
Die KPD verfügte damit über eine deutliche Mehrheit im damaligen Gemeindeparlament, während die SPD nur noch zwei Mandate erreichte.
Da die vereinigte Gemeinde Neuhaus-Schierschnitz erst 1923 entstand, bezog sich diese Wahl noch auf eine der zuvor selbstständigen Gemeinden, vermutlich Neuhaus. Die genaue kommunale Zuordnung muss noch geklärt werden.
Für die weitere Entwicklung ist jedoch entscheidend, dass die SPD trotz der erheblichen politischen Verschiebungen weiterhin als eigenständige Organisation vertreten blieb.
Die Sozialdemokratie in den 1920er-Jahren
Die 1920er-Jahre waren auch in Neuhaus-Schierschnitz von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, politischen Auseinandersetzungen und einer zunehmenden Spaltung der Arbeiterbewegung geprägt.
Die wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkrieges, die Inflation von 1923 und die später einsetzende Weltwirtschaftskrise belasteten die Beschäftigten der örtlichen Industrie.
In den Betrieben blieben Fragen der Entlohnung, der Arbeitszeiten und der Beschäftigungssicherheit von großer Bedeutung.
Im Frühjahr 1925 führten die Sandgräber einen mehrwöchigen Streik für höhere Löhne durch. Auch in den folgenden Jahren kam es zu Demonstrationen und politischen Versammlungen.
Die kommunistische Bewegung hatte inzwischen einen erheblichen organisatorischen Einfluss gewonnen. Neben der KPD entstanden verschiedene ihr nahestehende Vereine, Jugendorganisationen und politische Zusammenschlüsse.
Die eigenständige SPD-Ortsgruppe bestand jedoch bis 1933 weiter.¹⁶
Auch auf Reichsebene hatten sich die Parteiverhältnisse verändert.
Am 24. September 1922 vereinigten sich die Mehrheits-SPD und der verbliebene Teil der USPD auf einem gemeinsamen Parteitag in Nürnberg zur Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (VSPD). In Thüringen wurde der Zusammenschluss Anfang Oktober 1922 organisatorisch nachvollzogen. Ab 1924 führte die Partei wieder den Namen SPD.
In Neuhaus-Schierschnitz war die Entwicklung allerdings anders verlaufen: Der örtliche USPD-Flügel hatte sich bereits 1920 der KPD angeschlossen. Deshalb führte die reichsweite Wiedervereinigung von 1922 hier offenbar nicht zu einer vergleichbaren organisatorischen Zusammenführung der örtlichen Arbeiterparteien.¹⁷
Über die konkreten Vorsitzenden der SPD-Ortsgruppe, ihre Mitgliederzahlen und ihre kommunalpolitische Arbeit in den Jahren zwischen 1920 und 1933 liegen bislang nur wenige gesicherte Informationen vor.
Die politischen Auseinandersetzungen zwischen SPD und KPD waren in dieser Zeit auch durch die Entwicklungen auf Reichs- und Landesebene geprägt. Während die SPD weiterhin auf parlamentarische Reformen und die Mitarbeit in demokratischen Institutionen setzte, verfolgte die KPD eine revolutionäre politische Strategie.
Besonders seit dem Ende der 1920er-Jahre verschärften sich die Gegensätze zwischen beiden Parteien erheblich.
Trotz des starken kommunistischen Einflusses blieb ein Teil der örtlichen Arbeiterschaft weiterhin der Sozialdemokratie verbunden.
Welche Personen die SPD in Neuhaus-Schierschnitz während dieser Jahre führten und welche konkreten kommunalpolitischen Forderungen sie vertraten, gehört zu den noch offenen Fragen der örtlichen Parteigeschichte.
Politische Radikalisierung und der Aufstieg des Nationalsozialismus
Gegen Ende der Weimarer Republik verschärften sich die politischen und sozialen Gegensätze auch in Neuhaus-Schierschnitz.
Die Weltwirtschaftskrise führte zu wachsender Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Unsicherheit. Gleichzeitig gewann die NSDAP in Thüringen zunehmend an Einfluss.
Die kommunistische Bewegung organisierte in Neuhaus-Schierschnitz zahlreiche politische Veranstaltungen und Aktionen gegen den Nationalsozialismus.
Am 25. Februar 1931 fand parallel zu einer größeren Demonstration gegen Arbeitslosigkeit in Sonneberg eine Kundgebung gegen Hunger und Faschismus mit ungefähr 300 Teilnehmern in Neuhaus-Schierschnitz statt.
Die politischen Auseinandersetzungen nahmen auch vor Ort an Schärfe zu. Veranstaltungen der NSDAP wurden teilweise von örtlichen Kommunisten verhindert oder aufgelöst.¹⁸
Diese Aktionen gingen überwiegend von der KPD aus. Eine entsprechende Beteiligung der örtlichen SPD ist bislang nicht nachgewiesen.
Wie die Sozialdemokraten im Ort auf den wachsenden Einfluss der NSDAP reagierten, ist bislang nicht ausreichend dokumentiert.
Auch über die Ergebnisse der letzten Gemeinderatswahlen vor 1933 und die Zusammensetzung der sozialdemokratischen Vertretung in der Gemeinde liegen noch keine vollständigen Angaben vor.
Fest steht jedoch, dass die politischen Spannungen der letzten Jahre der Weimarer Republik schließlich auch in Neuhaus-Schierschnitz das Ende der demokratischen Parteiarbeit herbeiführten.
1933: Verbot der SPD und nationalsozialistische Verfolgung
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Zerschlagung der demokratischen Parteien und ihrer Organisationen.
Nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 wurden auch in Neuhaus-Schierschnitz politische Gegner der Nationalsozialisten verfolgt.
Es kam zu Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und der Beschlagnahmung politischer Schriften. Mehrere oppositionelle Arbeiter wurden unmittelbar nach dem Reichstagsbrand festgenommen.
Weitere Personen wurden in den folgenden Jahren wegen ihrer politischen Tätigkeit oder aufgrund entsprechender Vorwürfe verfolgt und verurteilt.¹⁹
Für die sozialdemokratische Ortsgruppe bedeutete das Jahr 1933 ebenfalls das Ende ihrer legalen politischen Tätigkeit.
Am 22. Juni 1933 wurde die SPD im gesamten Deutschen Reich verboten. Ihre Organisationen wurden aufgelöst, das Parteivermögen beschlagnahmt und die sozialdemokratische Presse unterdrückt.
Damit endete auch in Neuhaus-Schierschnitz die legale Arbeit der seit 1899 beziehungsweise 1906 bestehenden sozialdemokratischen Parteiorganisationen.²⁰
Über das persönliche Schicksal der letzten SPD-Vorsitzenden und Gemeinderatsmitglieder nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ist bislang nur wenig bekannt.
Die örtliche Arbeiterbewegung verschwand jedoch nicht vollständig. Trotz der nationalsozialistischen Verfolgung bestanden weiterhin Kontakte zwischen einzelnen oppositionellen Arbeitern.
Die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Neuhaus-Schierschnitz ist bislang vor allem durch die Tätigkeit kommunistischer Widerstandsgruppen dokumentiert. Ob und in welchem Umfang sich ehemalige SPD-Mitglieder daran beteiligten, muss noch weiter erforscht werden.
Rückblick
Die Geschichte der SPD in Neuhaus-Schierschnitz bis 1933 war eng mit der Entwicklung des Ortes vom Bergbau- und Hüttenstandort zu einer bedeutenden Industriegemeinde verbunden.
Die 1899 gegründete SPD-Ortsgruppe Neuhaus und die 1906 entstandene Ortsgruppe Schierschnitz gehörten zu den frühen politischen Organisationen der Arbeiterschaft im südlichen Landkreis Sonneberg.
Neben der Beteiligung an Wahlen engagierten sich die Sozialdemokraten in der gewerkschaftlichen Interessenvertretung, der politischen Bildungsarbeit, der Arbeiterjugend und der Verbreitung der sozialdemokratischen Presse.
Mit der Wahl der ersten beiden sozialdemokratischen Gemeindevertreter 1912 gelang auch der Einstieg in die örtliche Kommunalpolitik.
Die Spaltung der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg veränderte die politischen Kräfteverhältnisse jedoch grundlegend. Während sich ein großer Teil der bisherigen USPD-Mitglieder 1920 der KPD anschloss, bestand die SPD als eigenständige Partei weiter.
Obwohl die Kommunisten in den folgenden Jahren im Ort erheblichen Einfluss gewannen, blieb eine sozialdemokratische Ortsorganisation bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 erhalten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die SPD im Juli 1945 auch in Neuhaus-Schierschnitz wiedergegründet. Zu ihrer damaligen Leitung gehörten Walter Dathe, Adolf Rose, Hermann Walter, Paul Beck und Robert Maurer.
Bereits im April 1946 endete ihre eigenständige Existenz durch die unter sowjetischem Druck erfolgte Vereinigung von SPD und KPD zur SED.
Die Ereignisse der Jahre 1945 und 1946 werden in einem eigenen Artikel zur Wiedergründung und Zwangsvereinigung der SPD im Landkreis Sonneberg behandelt.
Einzelnachweise
¹ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, Festschrift, Neuhaus-Schierschnitz 1965, S. 37; Ulrich Göpfert: „700 Jahre Neuhaus-Schierschnitz in Thüringen“, 2015.
² 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 37; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, Festschrift, Neuhaus-Schierschnitz 1990, S. 57.
³ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 37.
⁴ Ebenda, S. 37.
⁵ Ebenda, S. 38.
⁶ Ebenda, S. 37.
⁷ Ebenda, S. 37–38; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 57.
⁸ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 37.
⁹ Landesarchiv Thüringen, Thüringisches Ministerium des Innern, Bestand 6-32-0020, Akte D 472: „Landkreis Sonneberg, Verschmelzung von Neuhaus, Schierschnitz, Buch, Mark, Gessendorf und einem Teil des Staatsforstes Neuhaus zu Neuhaus-Schierschnitz“, Laufzeit 1922–1926.
¹⁰ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 38; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 57.
¹¹ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 38; Jahrbuch für Partei- und Gewerkschafts-Angestellte, herausgegeben vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, 2. Jahrgang, Berlin 1910, S. 70 und 195. Digitalisat der Friedrich-Ebert-Stiftung.
¹² 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 38; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 57.
¹³ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 38.
¹⁴ Ebenda, S. 38–39.
¹⁵ Ebenda, S. 39; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 57.
¹⁶ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 39.
¹⁷ Friedrich-Ebert-Stiftung: „Die Vereinigte Sozialdemokratie – der Parteitag von SPD und USPD in Nürnberg 1922“, 24. September 2022; Mario Hesselbarth: Zur Geschichte der USPD Thüringen, Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, Erfurt 2017; 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 38–39.
¹⁸ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 40–41; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 59.
¹⁹ 650 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1965, S. 41–42; 675 Jahre Neuhaus-Schierschnitz 1315–1990, S. 59.
²⁰ Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: 1933 – Das Ende der Parteien, Ausarbeitung Nr. 13/08, 7. April 2008; Deutsches Historisches Museum: LeMO – Die SPD in der Weimarer Republik.